Dienstag, 11. Juli 2017

Der Mensch und das liebe Vieh


Das Buch "Der Mensch und das liebe Vieh" von Martin Lintner habe ich geholt, weil Tierethik in mein Fachgebiet Schöpfungsspiritualität fällt. Zudem bin ich selbst Theologe, Jäger und Wildnispädagoge und es waren zwei Fragen, die mich vor dem Lesen des Buches beschäftigt haben. Wird der Autor den Dualismus Mensch=Subjekt und Tier=Objekt überwinden? Und zweitens, wie ausgewogen wird die Argumentation in dem Buch sein? Meist gibt es in diesem Bereich nur schwarz-weiß Denken.
Martin Lintner hat sein Werk in vier große Teile gegliedert. In Teil eins und zwei geht es um theologische und philosophische Grundlagen. An Lintners Argumentation zum Begriff des sog. Herrschaftsauftrages in Gen. 1 wird schön deutlich, wie genau und differenziert Lindner arbeitet. Er legt die ursprünglich Textidee (hüten statt herrschen) frei und interpretiert sie für unsere heutige Zeit (Verantwortung übernehmen).
In Teil drei geht es um konkrete Anwendungsfelder einer Tierethik, sei es in der Tierhaltung, Tierversuchen, Jagd oder dem Konsum von Produkten. Jede*r Leser*in findet hier ihren/seinen persönlichen Bezug. Mich hat besonders der Abschnitt über die Jagd interessiert. Auch hier finde ich einen ausgewogenen Diskurs. Mit guter und trennscharfer Kritik an der Jagdpraxis wird der/die Leser*in dennoch dahin geführt, ein eigenes Urteil zu finden.
Im vierten Teil geht es um eine Ethik der Mitgeschöpflichkeit und hier finde ich meine erste Frage positiv beantwortet, nämlich die Überwindung dessen, die Natur als zu behandelndes Objekt zu sehen.
Insgesamt gefällt mir das Buch sehr gut. Man muss aber auch sagen, dass es ein akademisch anspruchsvolles Sachbuch ist, das sich nicht einfach nebenbei lesen lässt. Wen der Titel an die Serie "Der Doktor und das liebe Vieh" erinnert und hier leicht Kost erwartet, wird enttäuscht sein. Für alle, die sich intensiv und fundiert mit dem Thema Tierethik auseinander setzen wollen, ist es eine Empfehlung.

Mittwoch, 28. Juni 2017

Theo - logisch mit Hund

Diese ganzen Blog Einträge bis jetzt spiegeln meine Gedanken, Erkenntnisse, Inspirationen aus und über die Natur. Damit ist das Ganze aber schon wieder so ein Gegenüber-Ding mit einer Tendenz zu Ich=Subjekt und Natur=Objekt. Dabei geht es mir in letzter Zeit immer öfter so, dass ich mich mit allem in der Natur tief, tief verbunden fühle. Ich sehe nicht den Fluß, ich bin der Fluß. Oder etwas in mir ist auch der Fluß. Neulich beim Autofahren flog eine Krähe neben mir her. Und auf einmal war es so, als ob etwas in mir dort fliegt, die gleichen Kurven macht, sich in die Lüfte erhebt. So erlebe ich immer mehr Verbundenheit mit anderen Wesen.
Das nichtmenschliche Wesen aber, mit dem ich am tiefsten verbunden bin, ist mein Hund Rocky. Er ist mein tierischer Soulbrother. Mit ihm verbringe ich die meiste Zeit. Mit ihm streife ich durch die Wälder und Felder. Durch ihn bekomme viele neue Einsichten über Gott und die Welt. Mit anderen Worten, mit dem Hund bin ich theologisch unterwegs.
Darüber werde ich demnächst mehr raus bringen. Kleine Ankündigung: Rocky und ich sind am Überlegen, einen YouTube Kanal aufzumachen. Ich mit dem Künstlernamen "Theo" und er selbst als Rocky. Und dann heißt es: Theo-logisch mit Hund!

Freitag, 2. Juni 2017

Grüne Gedichte

Und ob ich schon wanderte in der grünen Kathedrale,
früh morgens am Beginn des neuen Tages,
der erste  Mensch in den Wäldern.
Das heilige, strahlende Licht bricht sich durch die Stämme.
Und alles singt.
Singt dir dies Liebenslied der Schöpfung,
du Freund und Liebhaber des Lebens,
Gott-Göttin, die du alles geschaffen hast
und alles liebst, was da ist.
Meine Seele breitet ihre Flügel aus,
ich bin eins mit allem
und alles ist eins mit mir.
Ich brülle mein archaisches Yo-hoo in die Weite der Welt.
Ich fange an zu rennen, laufe mit aller Kraft,
mit ganzem Herzen und mit wachem Geist-

in deine ausgebreiteten Arme.

Samstag, 27. Mai 2017

Körper als Gebiet der Schöpfungsspiritualität

Erst jetzt wird mir langsam bewusst, dass auch ich selbst Teil des Themenfeldes Schöpfungsspiritualität bin. Theoretisch, also kognitiv habe ich das schon früher erkannt. Aber in ganzem Umfang fange ich jetzt erst an zu sehen.
Es geht mir draußen in der Natur immer mehr und immer öfter so, dass ich diese Momente von tiefer Verbundenheit erlebe. Auf eine wundersame Art und Weise bin ich auch der Fluß, der zum Meer strömt. Und bin gleichzeitig die Landschaft, durch die dieser Fluß strömt. Eine tiefe Verbindung mit dem Land und den Wesen des Landes beginnt sich zu entwickeln. Und dann wird es so, dass Licht und Farbe, dass Wind und Wetter und natürlich die Begegnungen mit anderen Wesen dazu führen, dass ich mir dieser Verbindung bewußt werde. Dann erfüllt mich tiefe Dankbarkeit, Glück und Freude.
Was ich neu erlebe ist, dass mein Körper und meine Seele dies alles auf einer tiefen, nicht rationalen Ebene wahrnehmen. Moderne Intelligenzforschung sagt uns, dass wir unter anderem über diese vier Intelligenzarten verfügen: kognitive Intelligenz, emotional-soziale Intelligenz, kinästhetische oder Körper-Intelligenz und spirituelle Intelligenz. Und dass wir mindesten drei "Gehirne" haben, um dies wahrzunehmen. Das Gehirn im Kopf, das Gehirn im oder um das Herz und jenes im Bauchraum.
Ich bemerke nun, dass ich draußen dieses tiefe Verbundenheit nicht nur kognitiv wahrnehme, sondern  auch fühle (Herz)  und intuitiv spüre (Bauch).
Und diese neue Erkenntis teilt mir mit, dass ich darin nicht gegenüber der Schöpfung stehe, sondern eingebunden, eingewoben bin in das Gefecht alles Lebendigen. Damit bekommt auch unser menschlicher Umgang innerhalb unserer Spezies Mensch eine neue Bedeutung für mich. Und wird Teil des Themas Schöpfungsspiritualität. Wie wir von Herzen miteinander umgehen, in Beziehungen oder auch im Council, ist auch Teil von Schöpfungsspiritualität. Wir wir uns begegnen und berühren, wie wir uns ernähren und wie wir leben in dieser Welt, all das ist Teil von Schöpfungsspiritualität.
Eine neue Tür tut sich auf.

Samstag, 26. November 2016

Die Seele ist wie ein wildes Tier

Die Seele ist wie ein wildes Tier und sie verhält sich auch so.
Zum einen heißt das, dass die Seele, genau wie die Wildtiere sehr gut überlebensfähig ist. Sie ist zäh und wild, sie kennt ihren Lebensraum, sie kann sich Nahrung verschaffen und Verstecke finden und kann sich fortpflanzen. Sie hat diesen Willen zu überleben.

Die Seele ist – wie die wilden Tiere – immer da. Aber sie ist scheu und nicht immer zu sehen. Der Stadtmensch fährt auf der Autobahn und denkt:  „Oh, ein Reh“ und dann wird ihm bewusst, dass da was anderes ist als seine menschenzentrierte, letztlich egozentrische Weltsicht. Aber eigentlich ist es immer da.

Die Seele, wie das wilde Tier hat seine eigene Zeit und seinen eigenen Rhythmus. Wenn du draußen bist und wilde Tiere beobachtest, dann sitzt du lange da. Du denkst, es ist nicht los heute, kein Tier da, ich kann auch nach Hause gehen. Aber plötzlich, popp, kommt mitten auf dem Feld ein paar Ohren mit einem Kopf hoch. Du denkst, huch, wo kommt das denn plötzlich her? Aber es war die ganze Zeit da, nur in Deckung, du hast es nicht gesehen. So ist es mit der Seele auch. Wenn du die Landschaft deiner Seele beobachtest, in Zeiten der Stille, Meditation oder Gebet, dann kann es passieren, dass du am Anfang gar nichts wahr nimmst. Und wenn du schon aufhören willst, popp, zeigt sich eine Regung deiner Seele und du denkst – huch, wo kommt die denn her, aber sie war die ganze Zeit schon da.
„Die Zeit zwischen Tag und Nacht ist die Zeit des Wildes“, habe ich von einem alten Jäger gelernt. Es gibt Zeiten, wo es wahrscheinlicher ist zu anderen Zeiten, dass du Wild siehst.  So ist es auch mit der Seele. In Zeiten des Wandels, der Krise, in Übergängen und dann in Momenten der Stille, der Kontemplation und wenn das Tagwerk zur Ruhe kommt, dann sind die Chancen, etwas von seiner Seele mitzubekommen, größer. Interessanterweise lehren viele Weisheitstraditionen, dass die Zeit früh morgens oder abends die beste Zeit für kontemplatives Gebet sei. Das sind auch die Zeiten des Jägers.
Du brauchst Geduld, wenn du die Pfade deiner Seele erkunden willst. Und so, wie manche wilden Tiere, fast nur nachts zu finden sind – Eule, Wildschwein, Enok,...- so sind manche Seelenregungen nachtaktiv, manche tauchen auch nur in Träumen auf.
Es gilt, wie beim Fährtenlesen, die Zeichen zu erkennen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.

Wenn du so eintauchst, dann kannst du vertraut werden. Einheimisch werden ist das Motto der Wildnisschule, in der ich gelernt habe.  So, wie du die Sprache des Waldes lernen kannst, kannst du die Sprache der Seele lernen. Von wilden Tieren oder über wilde Tiere lernen, heißt für Seelenarbeit lernen. Schöpfungsspiritualität verbindet Natur und Seelenarbeit.

Mittwoch, 16. November 2016

Wider die Wetter-Beschimpfer*innen

So viele Menschen, die ich kenne, schimpfen über das Wetter. Die meisten so gelegentlich, als Small Talk oder Gesprächsaufhänger. Ich kenne aber auch ein paar Leute, bei denen das richtig üble Charakterzüge angenommen hat. Die sich von ihrer Einstellung von vermeintlich schlechtem Wetter so beeinflussen lassen, dass sie regelrecht in Depressionen versinken und das tagelang. Selbst wenn Leute das Wetter gut finden, dann meist nicht zu lange, dann finden sie es auch wieder schlecht. Oder sie schimpfen, dass dies vermeintlich gute Wetter sowieso nur die Ausnahme sei. Vor kurzem habe ich einen Facebookeintrag gelesen von einer Christin, die einen Brief an das Wetter geschrieben hat, wie schlecht es sei. Es sei so kalt und nass geworden, dass sie, diese Frau, nicht mehr ihre geliebte Vespa fahren könne. Das ist für mich das Gegenteil von schöpfungsspirituellem Bewusstsein.

Meiner Meinung nach ist es sowieso total unweise, mich über etwas aufzuregen, was ich nicht ändern kann. Und was heißt schon gut? Meist meinen die Leute doch gut für sich selbst. Es ist eine total egoistische und anthropozentrische Sichtweise. Selten wird in Betracht gezogen, was gut für unsere Tierbrüder und –schwestern und die Landschaft ist.

Schlechtes Wetter ist mir absolut fremd. Ich persönlich kann mich nicht erinnern, dass oder wann ich das Wetter mal schlecht gefunden habe. Ich mag jedes Wetter und ich mag bei jedem Wetter raus gehen. Wenn es ein sonnig warmer Tag ist, genieße ich den Geruch und die Frische. Wenn es ein regnerischer, stürmischer Novembermorgen ist, freue ich mich über meine Outdoor Klamotten und dass keiner sonst im Wald unterwegs ist. Ich mag das Wetter und ich sage ihm das auch. „Du bist ein tolles Wetter“.  Und ich habe den Eindruck, dass das Wetter umgekehrt auch sehr freundlich zu mir ist. Wenn ich ausnahmsweise mal ein besonderes Wetter brauche, z.B. beim Kindergeburtstag oder als ich früher Outdoor Trainings gegeben hatte, habe ich ganz oft das Wetter bekommen, das ich brauchte.


Vielleicht sollten das die ganzen Wetter-Beschimpfer*innen mal überlegen. Wenn ich zu jemandem immer total unfreundlich und negativ bin, warum sollte der mir dann freundlich gesonnen sein? Und wenn es in der Schöpfungsspiritualität darum geht, mit den Wesenheiten in einen Dialog zu gehen, dann kann das auch für das Wetter gelten. Dann könnte das Sprichwort abgeändert lauten: Wie man in das Wetter hinein ruft, so kommt es einem entgegen.

Mittwoch, 9. November 2016

Schöpfungsgeschichten: Mann-Frau

Im Wesentlichen finden wir am Anfang der Heiligen Schriften zwei Schöpfungsgeschichten. In beiden wird die Erschaffung / Entstehung des Menschen beschrieben.
In der ersten Geschichte in Genesis 1 heißt es in Vers 27: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild,...., als Mann-Frau schuf er sie.“ Wir lesen das immer schon durch die Brille unserer biploaren Geschlechtervorstellung. Es ließe sich aber auch weiter verstehen. Mensch ist Mann-Frau. In jeder Entität Mensch ist Mann und Frau, oder männlich und weiblich. Und möglicherweise auch Zwischenformen und Unentschiedenes. Ich finde es so toll an den Heiligen Schriften, dass sie, je nach fortschreitendem Bewusstheitsgrad immer wieder Anhaltspunkte für das neue Denken liefern.
Auch in der zweiten Schöpfungsgeschichte wird beschrieben, wie Mensch-Frau aus der Rippe von Mensch-Mann-Frau gemacht wird. So wird deutlich, dass Mensch-Mann und Mensch-Frau aus dem gleichen „Urstoff“ gemacht sind, aufeinander bezogen sind. Aber dass da auch eine Unterschiedlichkeit ist. Und eine besondere Beziehung, dass sich nämlich Mensch-Mann zu Mensch-Frau hingezogen fühlt. Ein anderes Wort für hinziehen ist attractore. Hier wir die Attraktivität zwischen Mann und Frau angesprochen. Bei allem Positiven an der Gender-Forschung finde ich, könnte zukünftig theologisch mehr an der Attraktivität zwischen Mann und Frau geforscht werden.

Die biblischen Texte bieten Ansätze dafür, dies in die Schöpfungsspiritualität einzubeziehen.

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Evolutionäre Kraft in der Schöpfungsgeschichte

Die Schöpfungsgeschichten unserer Heiligen Schriften immer wieder mit neuen Augen zu lesen bringt für mich immer wieder spannende Details hervor. So zum Beispiel, dass in unseren Überlieferungen der Erde eine eigene, schöpferische, evolutionäre Kraft zugeschrieben wird. Die meisten kennen das Wort: „Und Gott* sprach: es werde Licht.“ Dies ist Schöpfung aus dem Nichts (lat. Creatio ex nihilo). Etwas wird, weil Gott* es so will. Aber es wird auch eine andere Art von Schöpfungsgeschehen beschrieben. Gott* sprach: „Die Erde bringe hervor grünes Kraut“. Die Pflanzenwelt entsteht also aus der Erdkraft selbst.
Diese Darstellung passt sehr gut zu unseren heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen der Evolution.


Ich halte eine kleine Vorrede zum Gebrauch des Wortes Gott*für nötig. Ich weiß, dass das Wort Gott sehr ambivalent ist. Es ist so oft gebraucht und missbraucht worden, dass ich am liebsten ein anderes Wort hätte. Aber ich finde kein besseres. Aber ich möchte auf keinen Fall dieses Wort so benutzen, als hätte ich Deutungshoheit darüber. Gott ist für mich als Vater, Mutter, Gott, Göttin, Christus, Bruder, und in vielen anderen Sprachbildern erkennbar. Deshalb schreibe ich Gott* mit Sternchen, um darin all diese Vielfalt auszudrücken. Und ich rede von Gott* immer so, wie ich ihn/sie/es heute verstehe. Das ist anders als mein Verständnis gestern und morgen werde ich vermutlich noch ein anderes Verständnis haben.

Deshalb soll jede und jeder dieses Wort Gott* durch ihre oder seine Brille sehen.