Sonntag, 27. Januar 2013

Dein Platz wird dich alles lehren



Am Anfang meiner Visionssuche und dann speziell in anschließenden Ausbildung habe ich die Aufgabe bekommen, mir einen „Sitzplatz“ zu suchen.
In der Wildnisschule in der Tradition von Jon Young und Tom Brown ist der Sitzplatz ein Ort in der Natur, der vom eigenen Wohnort in gut 10 Minuten zu erreichen ist. Den man/frau idealerweise mehrmals die Woche aufsucht. Zu unterschiedlichen Tag- und Nachtzeiten und zu verschiedenen Jahreszeiten. Dort gilt es, still zu sitzen, einfach nur wahrzunehmen, zu beobachten, sich Fragen zu stellen, was dort passiert und den Platz und das Leben dort auf sich wirken zu lassen. Das ist zum einen eine indigene Lehrmethode, um in der Natur zu Hause zu werden.
Zum anderen ist es aber auch eine spirituelle Übung. Das ist mir klar geworden, weil ich ähnliches bei den Wüstenvätern gelesen habe. Die Wüstenväter waren im frühen Christentum Menschen, die in die Einsamkeit der Wüsten und Berge gegangen sind, um dort ihren Glauben zu leben. Oft wohnten sie in Höhlen oder einfachen Hütten. Der einzelne Raum dieser Hütte war das Cellion (Zelle, später ist daraus die Mönchszelle geworden) Mitunter bekamen sie Besuch von einem Novizen oder Suchenden.
Da gibt es folgende Geschichte: Der Novize kam zum Abba und sagte, es komme ihm unnütz vor, den ganzen Tag im Cellion zu sitzen. Die Zeit wäre doch besser genutzt, sich um die Armen zu kümmern oder Kranke zu pflegen. Die Antwort des Abbe lautete „Geh in dein Cellion, bleib in deinem Cellion, dein Cellion wird dich alles lehren“.
Genau diesen Satz habe ich in der Wildnisschule gehört: „Geh an deinen Sitzplatz, bleib an deinem Sitzplatz, dein Sitzplatz wird dich alles lehren“. Spätestens da war mir klar, dass der Sitzplatz eine spirituelle Dimension hat.
Und so habe ich das später auch erlebt. Ich habe an meinem Sitzplatz die Verbundenheit mit der mehr-als-menschlichen-Gemeinschaft erfahren. Das rückt das Ego an den richtigen Platz, es steht nicht mehr im Mittelpunkt. Und das ist ein Kernanliegen aller spirituellen Weisheitswege, das wahre Selbst entwickeln und das Ego an die richtige Stelle verweisen.
Der Sitzplatz und auch der Platz in der Quest (dazu später mehr) ist definitiv dazu geeignet, diese Seelenarbeit zu unterstützen. Der Auftrag lautet also: „Geh an deinen Platz, bleib an deinem Platz, dein Platz wird dich alles lehren.“

Mittwoch, 23. Januar 2013

Ich und Du


„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, sagt Martin Buber, der große jüdische Religionsphilosoph. Er beschreibt in seinem Buch „Ich und Du“, wie wir über jemanden oder etwas in einer Er-Sie-Es-Beziehung erzählen können. Und damit über den- oder dasjenige reden, sie oder es zu einem Objekt machen. Dagegen steht die Rede zwischen einem Ich und einem Du, von Subjekt zu Subjekt. Dies ist Begegnung, ist Leben, ist Beziehung. Nun kann diese Rede, diese Begegnung nach Buber nicht nur zwischen  Menschen stattfinden, sondern zwischen allen Geschöpfen. Und mit diesem Gedanken leistet er einen wichtigen Beitrag zur Schöpfungsspiritualität, wie ich sie verstehe. Deshalb will ich im Folgenden einfach nur ein paar Passagen aus Bubers „Ich und Du“ zusammenstellen.
„Drei sind die Sphären, in denen sich die Welt der Beziehung errichtet.
Die erste: das Leben mit der Natur. Da ist die Beziehung im Dunkel schwingend und untersprachlich. Die Kreaturen regen sich uns gegenüber, aber sie vermögen nicht zu uns zu kommen. Und unser Du-Sagen zu ihnen haftet an der Schwelle der Sprache.
Die zweite: das Leben mit den Menschen. Da ist die Beziehung offenbar und sprachgestaltig. Wir können das Du geben und empfangen.
Die dritte: das Leben mit den geistigen Wesenheiten. Da ist die Beziehung in Wolke gehüllt, aber sich offenbarend, sprachlos, aber sprachzeugend......
Im Geheimnis verbleibe die Wirkensbedeutung...von Kreatur und ihrer Anschauung. Glaub an die schlichte Magie des Lebens, an den Dienst im All, und es wird dir aufgehen, was jenes Harren, Ausschaun, “Kopfvorstrecken“ der Kreatur meint. Jedes Wort würde fälschen, aber sieh, die Wesen leben um dich her und auf welches du zugehst, du kommst immer zum Wesen......
Diese Verbundenheit ist so welthaft, dass es wie das unvollkommene Ablesen einer urzeitlichen Inschrift anmutet, wenn es in der jüdischen Mythologie heißt, im Mutterleib wisse der Mensch das All, in der Geburt vergesse er es......Jedes werdende Menschenkind ruht, wie alles werdende Wesen, im Schoß der großen Mutter: der ungeschiedenen vorgestaltigen Urwelt.....Im Anfang ist die Beziehung.“

Dienstag, 22. Januar 2013

Bist du ver-rückt?


Ja, ein wenig. Hoffe ich. Kommt drauf an, von wo nach wo ich verrückt bin.
Mein katholischer Kollege und Visionssuchenleiter hat mir seine Erfahrung geteilt. Wenn die Leute „Exerzitien auf der Straße“ machen, dann kommt in der Großstadt ganz schnell der Eindruck „Ich gehöre nicht dazu.“ Wer keine Geschäfte zu erledigen hat, kein Ziel, keinen Auftrag, der merkt schnell, dass die Stadt fremd ist, dass er nicht dazu gehört.
Dagegen ist die Erfahrung im Wald, auf Visionssuche: „Ich gehöre dazu. Ich bin aufgenommen in die Mehr-als-menschliche-Gemeinschaft.“
Das ist auch meine persönliche Erfahrung. Ich bin verrückt.  Mindestens ist mein Dazugehörigkeitsgefühl aus der Stadt ver-rückt in die Natur. Mein Fokus, meine Aufmerksamkeit, meine Heimat ist verrückt. Verrückte Dinge habe ich dort in der Wildnis an meinem Platz gelernt. Die große Lehrmeisterin Natur und Mutter Erde haben mich verrückt. Mein Platz selbst hat mich verrückt (beachte: nicht entrückt). Und meine Verrücktheit ist nicht da draußen geblieben. Ich habe sie mitgenommen und jetzt bin ich....
·       so verrückt, Maulwurf, Amsel und alle anderen in den Garten einzuladen und ihn mit ihnen zu teilen,
·       so verrückt, fast fremde Menschen in mein Haus einzuladen und Brot und Wein mit ihnen zu teilen,
·       so verrückt, mehr Interesse am „Vom-Herzen-reden“ zu haben als an small talk oder „ich-bin-so wichtig-und-erfolgreich-Talk“,
·       so verrückt, lieber teilen als besitzen zu wollen,
·       verrückt nach viel mehr davon.

Mein altes Credo lautet: Ich will meinen Glauben leben im Alltag von Beruf und Familie. Heute füge ich dazu: ich will das so ver-rückt wie möglich tun!

Dienstag, 15. Januar 2013

Gott hat viele Gesichter


Letztes Wochenende war ich auf einem Treffen von Visionssucheleitern und –leiterinnen. Früher hätte ich vieles von dem, was ich dort erlebt habe, vermutlich als esoterisch abgetan. Aber heute kann ich sagen, dass ich echt beschenkt wurde. Ich habe dort eine Gemeinschaft und einen Umgang miteinander erlebt, wie ich es bisher nur zwei- bis dreimal in christlichen Gemeinschaften erlebt habe. Für mich ist das dort Ausdruck des einen oder der einen Schöpfergottes oder -göttin. Die oder der sich wahrscheinlich einen Dreck drum kümmert, mich welcher Vokabel wir seinen Namen belegen. Hauptsache wir agieren in seinem oder ihrem Geist. Davon will ich erzählen.
·       von einer Gemeinschaft, in der alle versuchen, achtsam und von Herzen miteinander umzugehen. Die davon getragen ist, eine schöpfungsbewahrende, liebevolle, wertschätzende Art des Miteinanders zu leben und weiter zu geben.
·       von einer Gemeinschaft ohne Hierarchie. Alle, und das sind fast 70 Personen, sitzen im Kreis auf dem Boden. Es gibt ModeratorInnen, NetkeeperInnen, SchwellenhüterInnen, Älteste,.... Aber es gibt keinen Chef, keinen Leiter, keinen Vorstand. Alles wird im Kreis besprochen, Konflikte (die es auch gibt) werden im Kreis ausgetragen. Es wird im Kreis entscheiden. Das Council ist für mich eine der ganz großen Entdeckungen.
·       von einer sinnlichen, körperlichen Atmosphäre. Ich war auf einem Kuschelworkshop, habe das neu gelernt und mit wildfremden Männern und Frauen gekuschelt. Absichtslos!!! Das hat die ganze Zeit dort verändert, überall Umarmungen, Berührungen, Anlehnungen.
·       von vielen kleinen Achtsamkeiten. Ich habe gesehen, dass bei jedem Licht, das angezündet wird, eine Widmung oder ein Herzenswunsch für die Gemeinschaft  gesprochen wird. Ich habe erlebt, dass Themen nicht vertagt, sondern gehütet werden. Ebenso werden besondere Gegenstände nicht verstaut, sondern gehütet.
·       Ich habe eine tiefe, erdhafte, weibliche Urkraft gespürt. Habe gehört von einem Rad der 13 Großmütter. Das Suchen und Einfordern von intuitivem weiblichen Wissen für den Kreis.

Ich könnte noch mehr Worte machen, aber es wird mir nicht besser gelingen, das, was ich erlebt habe, zu beschreiben. Leider. Oder auch gut so. Das Wesentliche und wirklich Wichtige lernt man und frau mit dem Herzen.
Manches Mal dachte ich, so muss es bei Jesus und den ersten Gemeinden gewesen sein. Für mich ist das Erlebte wie eine weitere Facette des Gesichtes Gottes. Nicht, dass ich alles glaube, was Einzelne dort als Welt- und Glaubensbild vertreten. Ich bin theologisch in vielem anderer Meinung. Aber das ist nicht so wichtig. Ich bin beschenkt worden. Bin inspiriert. Bin entschlossen, vieles, was ich dort bekommen habe, in meinem Leben, meiner Familie, meiner Gemeinschaft und meiner Arbeit umzusetzen.
DANKE.

Donnerstag, 3. Januar 2013

Gaia, voll der Gnade


„Einst hast du Gott, dein Land begnadet.“ (Ps.85,1)
Über diesen Vers bin ich vor ein paar Monaten beim Pilgern „gestolpert“. Gestolpert, denn da steht ja gar nicht ‚begnadigt’, wie ich erst vermutet hatte, sondern ‚begnadet’.
Ich war mir von Anfang an sicher, dass dieser Begriff sehr bedeutsam ist, dass da theologisch viel drin steckt. Auch in dem, was im restlichen Psalm selbst noch an Beziehungen von Himmel und Erde genannt wird. Die Beziehung von Treue (Beständigkeit) und Gerechtigkeit. Der Wechsel von „dein Land“ zu „unser Land“. Der Aspekt der Nutzenorientierung („gibt seinen Ertrag“) und spiritueller Dimension („Ich will hören, was Gott redet“). Ich bin mir sicher, da steckt eine ganze Menge drin.
Es ist mir bis jetzt nicht gelungen, die Ideen, die ich habe, in gute Gedanken zu bringen. Geschweige denn, sie blogfähig zu machen. So schiebe ich diesen Blogeintrag seit Herbst vor mir her. Aber Weihnachten ist mir ein neuer Aspekt eingefallen und den will ich hier schreiben.

Weihnachten wird die Geburt des Immanuel erinnert und gefeiert. Immanuel, „das heißt übersetzt: Gott  ist mit uns.“ (Mt.1, 23). Für mich dies vor allem anderen das Einzigartige an der christlichen Religion: dass es Gott ist, der den Abstand zwischen ihm/ihr und uns überbrückt. Dass er/sie mit uns ist. Dass er/sie in der Welt ist. Das wird Weihnachten ja vor allem gefeiert: Gott, Geist wird Fleisch und Blut, nimmt Gestalt an, ist in der Materie „erkennbar“. Der theologische Ausdruck dafür ist Inkarnation und dieses inkarnatorische Geschehen ist Ausdruck der Gnade Gottes.

Meiner Meinung nach kommt dies Gnadenhandeln bereits in dem Vers in Psalm 85 zum Ausdruck. „Einst hast du Gott, dein Land begnadet“. Ist hier nicht greifbar, wie Gottes Gnade in das Land, die Erde einfließt, einträufelt, wie auch immer hinein kommt? Es müsste ein neuer theologischer Ausdruck dafür geschaffen werden: geerdete Gnade. Dies wäre sozusagen das Weihnachten, der Geburtsmoment einer neuen Schöpfungsspiritualität. Die dem Land, der Erde eine eigene spirituelle Dimension zugesteht. Für mich heißt das Folgendes: wie ich im „Christushandeln“ Gottes etwas von ihm/ihr erkennen kann so kann ich auch im „Erdhandeln“ Gottes etwas von ihm/ihr erkennen. Oder im weiteren Sinne im Schöpfungshandeln Gottes.

Gaia ist das griechische Wort für Erde und in diesem Sinne müssten wir sagen können: Gaia, voll der Gnade! Euch allen ist die Schöpfung geboren. Allen ein gutes und gesegnetes neues Jahr.