Freitag, 12. April 2013

Ich rufe Himmel und Erde als Zeugen


„Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an.
Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch.
Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.“
Diesen Text habe ich vor kurzem im 5. Mose 30,19 entdeckt. Für mich stehen dort einige Grundprinzipien von Schöpfungsspiritualität und Tiefenökologie beschrieben. Der Vers bietet Stoff für eine ganze Predigtreihe, aber ich will hier schon einen Überblick wagen. Was steht dort?

Erstens, dass Himmel und Erde eine Zeugenfunktion haben. Ich kann Himmel und Erde anrufen, zu diesen Elementen sprechen wie zu einer Person. (Vgl. auch Hiob 12,8: Rede zur Erde). Diese Praxis kommt also nicht nur bei den indigenen Völkern vor, sondern steht auch am Anfang unserer jüdisch-christlichen Tradition. Und jetzt konkret: was hätten Himmel und Erde als Zeugen zu berichten? Dieser Text ist vor einigen tausend Jahren geschrieben worden. Was würden Himmel und Erde den Menschen heute bezeugen, wie wir sie behandelt haben? Ich fürchte, das Zeugnis würde nicht gut ausfallen.
Zweitens ist hier das Grundprinzip beschrieben, dass nichts an und für sich gut oder schlecht ist. Es geht nicht um einen Dualismus, dass das Gute von Gott kommt und das Böse vom Teufel. Sondern in dem Text ist es Gott, der von sich sagt: „Ich lege dir Leben und Tod, Segen und Fluch vor.“ Beachte, es heißt und, nicht oder! Am konkreten Beispiel wird es deutlicher. Der Mensch ist befähigt mit einer technischen Erfindungsgabe. Die kann er zum Guten einsetzen, wie zum Beispiel zu medizinischen Fortschritten (auch wenn an der Apparatemedizin von den „Göttern in Weiß“ nicht alles zum Guten ist). Oder zum Bösen wie zum Bau von Massenvernichtungswaffen. Nicht die Erfindungsgabe ist gut oder böse, sondern was der Mensch daraus macht. Die ist das Grundprinzip des non-dualen Denkens.
Und drittens soll der Mensch so wählen, dass es Leben bedeutet für ihn und seine Nachkommen. Hier wird das Prinzip der Nachhaltigkeit genannt. Und nachhaltig bedeutet ja heute in tiefenökologischen Zusammenhängen so zu leben, zu produzieren und zu wirtschaften, dass alle nachkommenden Generationen auch so leben können. So wie die Natur „produziert“. In Kreisläufen, in denen das, was entnommen wird, auch wieder zurück in den Kreislauf kommt. Im Gegensatz zu unserem Paradigma der industriellen Wachstumsgesellschaft. Da reißen wir die Erde auf, beuten sie und alles, was darin und darauf ist, aus. Und die Löcher, die wir graben stopfen wir mit Müll wieder zu. Das ist nicht nachhaltig, das ist nicht das Leben gewählt für unsere Nachkommen.

Fazit: dieser jahrtausendealte Text ist aus schöpfungsspiritueller Hinsicht brandaktuell. Es lohnt sich bestimmt, da gedanklich und meditativ weiter hinein zu gehen.