Montag, 25. November 2013

Schöpfungstheologie treiben

Schöpfungsspiritualität und –theologie zu betreiben ist mein Arbeitsgebiet. Ich will diese Art Theologie nicht nur betreiben, sondern auch voran treiben. Was bedeutet das aber nun praktisch und was gehört alles dazu, Schöpfungsspiritualität zu treiben? Die Frage wird von außen an mich heran getragen. Und ich stelle mir diese Fragen auch oft selbst. Was hat beispielsweise das Feuermachen oder das Draußenschlafen mit theologischem Treiben zu tun?
Hilfe zur Beantwortung dieser Fragen habe ich bei Gerhard Marcel Martin, emeritiertem Marburger Professor für praktische Theologie, in seinem Buch „Was es heißt: Theologie treiben“ (Stuttgart 2005)  gefunden. Zu seinem grundsätzlichen Herangehen an theologische Wirklichkeitsfelder gehört, dass er das „Theologie treiben“ nicht beschränkt auf das Nachdenken über Religion, also den kognitiven Wissensaspekt. Martin sagt, das sei nur einer von vier Bereichen, in denen Theologie-Treiben statt findet. Zur Theologie gehören auch Rituale in Kult (z.B. Gottesdiensten) und Festen (z.B. Hochzeiten). Es gehören auch Handlungen im Alltag dazu, z.B. für das Essen zu danken oder seine Kinder zu segnen. Und es gehören auch Momente der mystischen Erfahrung dazu.
Die vier Bereiche theologischen Treibens sind demnach also:
1.     Rituelles Handeln
2.     Religiöses Alltagshandeln
3.     Religiöse Erfahrung und Erlebnisse
4.     Religiöses Wissen

Martin visualisiert diese Wirklichkeitsfelder in einem „Achsenkreuz religiöser Praxis und theologischer Reflexion“ (ebd., S. 13) wie in dem Bild oben.

Bezogen auf Schöpfungstheologie bedeutet das, dass mein Nachdenken über grüne Spiritualität genauso Theologie treiben bedeutet wie Naturrituale, die wir durchführen. Das war mir schon klar. Mit dem Ansatz von Martin finde ich nun aber eine Bestätigung, dass auch mein ökologisch-spirituelles Alltagshandeln Teil von Schöpfungstheologie sein kann. Und dass auch die mystisch anmutenden Erfahrungen, die Menschen im Dialog mit den nichtmenschlichen Geschöpfen machen zum Treiben von Schöpfungstheologie gehört.

All diese verschiedenen Aspekte sind wie schöpfungsspirituelle Mosaiksteinchen. All meine Blogeinträge, die so ungeordnet und unsystematisch daher kommen, sind Mosaiksteinchen eines großen Gesamtbildes, das ich aber noch nicht klar sehe. Als Koordinatenkreuz zur Einordnung dieser Mosaiksteine dient das oben beschriebene Achsenkreuz.
Bei alledem geht es mir dabei um die Zusammenhänge und das Zusammenwirken der verschiedenen Bereiche.
Dazu zum Schluss noch einmal Martin (ebd., S. 12).
„Wohl gemerkt: Es geht gerade nicht um die andauernde Trennung der Bereiche, sondern um deren lebendiges komplexes Zusammenspiel. Und natürlich soll es auch nicht um eine rein formale Struktur und Dynamik gehen, .... In der leeren Mitte des Achsenkreuzes pulsieren der Name Gottes und der Name Jesus Christus und die Schriften der Hebräischen Bibel und des Neuen Testaments.“ Und ich ergänze: Es pulsiert dort auch die Heilige Kraft, die allem Lebendigem innewohnt.
All das Schöpfungstheologie treiben dient dazu, dem Gott oder Göttin oder wie immer ich das verstehe, zu begegnen und tiefer und tiefer in das Geheimnis einzutauchen.


Wie das „Theologie treiben“ dann praktisch aussehen kann, macht Martin anhand verschiedener Beispiele deutlich. Exemplarisch steht da der Bericht über sein Seminar „Kommunikation mit Menschen, Tieren und Gott“ (ebd. S. 14ff). In diesem offenen und experimentellen Seminar wurden das Kommunikationsverhalten von Mensch und Tier untersucht, theologisch-spirituelle Ansätze ebenso einbezogen wie solche der Kommunikationspsychologie und Exkursionen zu prähistorischen Steinkammergräbern. Diese Art Theologie zu treiben schaut über den Tellerrand eines klassischen Theologieverständnisses. Das Besondere an Martin ist, dass er diese Blicke über den Tellerrand nicht nur denkt, sondern sie praktisch erlebt. Ob es sein eben beschriebenes experimentelles Seminar ist, sein „Suchfeld ‚Schamanismus’ (ebd., S. 63ff) oder der Dialog in seinem aktuellen Werk „Buddhismus krass“ (München 2010), immer stehen praktische Erfahrungen von Martin persönlich dahinter. Sei es sein Kontakt zu Huichol-Indianern oder sein Lehrauftrag an buddistischen Schulen in Japan.
Durch diese quasi externe Sicht auf die christliche Theologie wird ein Dialog gefördert, der unsere eigene Tradition in neuem Licht erscheinen lässt und bereichert.


Mit diesem Ansatz passt Gerhard Marcel Martin hervorragend, um die Entwicklung eines schöpfungsspirituellen Ansatzes im Männerforum theologisch zu begleiten. Bei diesem Ansatz geht es um einen Dialog mit der Schöpfung, der mehr-als-menschlichen Gemeinschaft. Durch diesen Dialog erfolgt ein neuer Zugang zu spirituellen Dimensionen. Und darin liegt eine große Chance zu einem neuen Zugang zur christlichen Tradition. Praktisch wird diese Begleitung durch Gerhard Marcel Martin so aussehen, dass die theologische Arbeit in projektartigen Mosaikstücken vorangetrieben wird. Beispielsweise Arbeiten zum schöpfungsbasierten Dialog in den Heiligen Schriften, einer franziskanischen Schöpfungsspiritualität oder einem Überblick über die Arbeiten von Matthew Fox. Ebenso gehören praktische Arbeiten wie Pilgeranleitungen, Visionssuche oder initiatorische Arbeit dazu.