Sonntag, 1. Dezember 2013

Geh über eine Schwelle

„Geh über eine Schwelle, streife absichtslos durch die Natur,.... „. So beginnen meist unsere Naturrituale. Aber was sind das, Naturrituale? Wie geht das, über eine Schwelle gehen? Was steht dahinter, wie funktioniert das?
Nun, zuerst steht dahinter der Gedanke, dass die Natur für uns Lehrerin und Mentorin sein kann. Dass sie uns kennt, weil wir selber Natur sind und uns in unseren inneren Prozessen unterstützen kann.
„Rede zur Erde, sie wird dich lehren“ heißt es in den Heiligen Schriften des Alten Testamentes (Hiob 12, 8). Und Bernhard von Clairvaux, Mönch und Mystiker des 12. Jahrhunderts sagte: „Glaub mir, denn ich habe es erfahren, du wirst mehr in den Wäldern finden, als in den Büchern; Bäume und Steine werden dich lehren, was du von keinem Lehrmeister hörst.“. Meine eigenen Erfahrung aus der Visionssuche, des intensivsten Rituals, an dem ich je teilgenommen habe, war folgende. Ich habe noch nie so viel über mich selbst erfahren und gelernt, wie in den Tagen und Nächsten, in den denen ich dort draußen war. Und eine weitere Erfahrung: etwas dort draußen ist sich meiner bewusst und es ist nicht Gott, wie ich ihn bisher kannte.
Das ist aber nicht immer so, wenn wir draußen sind, es funktioniert nicht automatisch. Vielmehr ist es so, dass wir uns bewusst machen, dass wir auf eine besondere Weise kommen, als Lernende und Empfangende. „Wir sind hier auf eine heilige Art und Weise“, habe ich in der Schwitzhütte gelernt und so ist es auch beim rituellen Gang in die Natur. Um das deutlich zu machen, gehen wir über eine Schwelle.
Die Schwelle kann ein Stock sein, den ich über den Weg lege, ein Strich, den ich auf den Boden ziehe, ein markanter Stein, über den ich trete, ein Tor zwischen zwei Bäumen, durch das ich schreite,.... Was immer es ist, es ist deine persönliche Schwelle und du machst damit dir und allen anderen da draußen deutlich, dass du auf eine besondere, vielleicht heilige Art und Weise unterwegs bist. Alles, was dir nun widerfährt, gilt dir persönlich. Du wirst achtsamer, kommst in einen inneren Dialog mit dir und den Geschöpfen um dich herum. Plötzlich „reden“ die Dinge zu dir, nur, dass es jetzt keine Dinge mehr sind, sondern Mitgeschöpfe, eigene Wesenheiten.

Die Schwelle ist ein Ort zwischen den Räumen. Denk an eine Türschwelle. Sie ist eine Grenze zwischen Orten, aber auch ein eigener besonderer Ort. Wer auf der Schwelle ist, ist weder an dem einen noch an dem anderen Ort. Er oder sie ist zwischen den Orten. Im Englischen heißt dieser Ort „liminal space“. Mein geistlicher Vater Richard Rohr sagt, das sei der Ort, an dem Veränderung geschieht.  Auch das spielt mit hinein, wenn ich über eine Schwelle gehe.
Was machst du dann, wenn du über die Schwelle in der Natur gegangen bist? Vielleicht hast du eine bestimmte Frage oder ein bestimmtes Anliegen für diese Schwellenzeit. Oder du willst deine Frage durch den Schwellengang erst finden. Oder du hast eine bestimmte Aufgabe, wie wir sie in den verschiedenen Ritualen stellen. Egal, du wirst Antworten bekommen. Aber bedenke, dass auch das Schweigen und die Leere eine Antwort sein kann. Das, was wir im Bereich Natur & Spiritualität Ritualarbeit nennen umfasst ein weites Spektrum. Unter dem Label Rituale werde ich in diesem Blog eine Sammlung von Ritualen und Übungen aufbauen. Dies ist gedacht als Methodenkoffer, für diejenigen, die mit den Übungen umgehen können. Es ist möglich, die Rituale sowohl für sich selbst als auch für andere durchzuführen. Ein Schwellengang kann jede beliebige Länge haben. Er kann eine Stunde dauern, einen Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wie beim Medicine Walk oder ein paar Tage und Nächte wie bei der Visionssuche. Probier es aus.

Aber egal, wie lange, wenn du am Ende zurück kommst, gehe über die gleiche Schwelle wieder zurück. Halte, einen Moment inne, verneige dich, wenn du willst und tritt achtsam über die Schwelle. Damit machst damit deutlich, dass diese besondere, vielleicht heilige Zeit nun vorüber ist. Dann mache die Schwelle unkenntlich und geh nach Hause oder wo immer du hin willst. Geh mit Gott.