Mittwoch, 29. Januar 2014

Heilige Wunde

„…forget your perfect offering, there is a crack in everything, that’s how the light comes in…“
(dt.: “Vergiss dein perfektes Opfern, es ist ein Riss in allem, so kommt das Licht hinein...”)

Der Song „Anthem“ von Leonhard Cohen, aus dem diese Zeile stammt, wird bei den Passageriten nach Richard Rohr gespielt. Passageriten oder Initiation behandeln das Thema Wunden und Verwundung. Hier und auch im Lied von Cohen wird der Blick geöffnet auf das, was in vielen Traditionen die „Heilige Wunde“ genannt wird.
Was ist damit gemeint?
Es gibt zwei verschiedene Arten von Wunden und Verwundungen.
Zum ersten ist da die heroische Wunde, die Mann sich im Kampf zuzieht. Mann ist stolz auf Verwundungen aus Krieg, Kampf oder Sport, die vermeintlich von der eigenen Männlichkeit zeugen. In kriegerischen Kulturen galten Narben aus solchen Kämpfen als männlich.
Dagegen steht die zweite Art von Verwundung, die schamvolle Wunde. Das sind Wunden und Verwundungen, die Mann schwach erscheinen lässt: Behinderungen, Verkrüppelungen, Verunstaltungen, Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit, Aussatz, Anomalie,….
Diese Wunden grenzen ab und grenzen aus. Sie werden versteckt und sind meist mit Gefühlen von Scham, Geringschätzung und Minderwertigkeit verbunden. Oft führen sie zu psychischen Wunden: das Leiden über den Makel, die Unvollkommenheit, die Aussätzigkeit.

Die erste Art, die heroische Wunde, bläht das Ego auf. „Ich bin so toll.“
Die zweite Art stellt das heroische Ego in Frage. Deshalb kann diese Wunde zur heiligen Wunde werden.
Überall in den Heiligen Schriften finden wir, dass Gott sich der Geringen, Verachteten und Verwundeten annimmt. Am klarsten können wir dies am Christus erkennen. Nicht Hoheit, Macht, Ansehen und Heroismus zeichnen ihn aus. Sondern Armut, Einfachheit und Niedrigkeit, die bis zur Verwundung am Kreuz führt. Das ist ja das Bemerkenswerte am Christentum, dass es eine Religion ist, die die Verwundung in den Mittelpunkt (des Kreuzes) gestellt hat. Gott selbst ist verwundet.
Und dies zeigt den Weg auf, wie aus der schamvollen, erniedrigenden Wunde eine heilige Wunde werden kann. Entscheidend ist, wie gehe ich mit dem Leid um? Öffne ich mich und gehe ich ihm auf den Grund? Oder mache ich mich klein und verschließe ich mich, um mich vor neuen Verletzungen zu schützen? Wenn wir auf Hiob schauen, den Archetyp des Leidenden, können wir davon lernen, wie er mit seinem Leiden umgeht. Er fragt nach dem „Warum“.
Hiob fragt, offen für das Ergebnis: „Warum“. Im Fragen sucht er nach dem Grund für sein Leiden. Und im Fragen verschließt er sich nicht, sondern öffnet sich und mutet sich zu, seinen Freunden und schließlich Gott selbst. Am Ende bekommt er keine Antwort auf seine Frage, aber sein Fragen führt zu einer neuen Begegnung mit Gott. Der Weg der Heiligen Wunde führt von mir selbst zu Gott.
Oft über den Umweg des Mitleidens am Leid dieser Welt.
Ich will dies an einem zutiefst persönlichen Beispiel erzählen. Eine meiner größten Krisen hatte ich, als sich bei meiner Frau eine Fehlgeburt anbahnte. Was habe ich gebetet, gefastet, geweint, gehofft, aber geholfen hat es alles nichts. Als klar war, dass mein Kind nicht zur Welt kommen würde, bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Und habe meinen Gott angeklagt und beschimpft wie nie zuvor. Wochenlang ging das so, dann habe ich mich emotional etwas beruhigt, aber noch monatelang habe ich mit ihm gehadert und ihm Vorwürfe gemacht. Irgendwann kam mir ins Bewußtsein, wie viele Väter in aller Welt ihre Kinder verlieren. Durch Unfälle, Krankheiten, Hunger und Krieg. Irgendwann wurde mir klar, wenn alle Väter so leiden wie ich, wie viel Leid dann in der Welt ist. Das nahm mir fast den Atem. Und dann kam Gott, wie eine leise Stimme in mir, die sagte: „Ich habe meinen Sohn auch verloren.“ Das hat mich befreit vom Anhaften an meinem eigenen persönlichen Leid. Der Verlust war noch da und die Trauer, aber es war auch Frieden dazu gekommen und ein Stück Versöhnung mit diesem Gott.


So habe ich gelernt, dass das persönliche Leiden zu einer Öffnung und einem Mitleiden am Leiden der Welt führen kann. Ähnlich ist auch der Ansatz der Tiefenökologie, sich mit dem Leid der Mit- und Umwelt zu verbinden um dadurch zu der Liebe zu allem Lebendigen zu finden. Und dann folgt der Schritt, sich mit dem Leiden Gottes zu verbinden. Und darin auf eine neue Art die Liebe Gottes zu finden. So kann die Heilige Wunde, wie bei Hiob, zu einer neuen Begegnung mit Gott führen.