Sonntag, 23. März 2014

Song*: evening rise

evening rise, spirit comes
sun goes down, when day is done
mother earth awakens me

with the heartbeat oft he sea




*unter dem Label Songs finden sich Lieder, die ich durch die Visionssuche- und Wildnispädagogikszene kennen gelernt habe und die ich von den Inhalten auch in meiner christlichen Tradition gut singen kann.
Wo es geht, habe ich Hörbeispiele von YouTube oder aus anderen Quellen verlinkt.

Alles wirkliche Leben ist Begegnung

Martin Bubers dialogisches Prinzip hat genialen Einfluss auf Theologie, Philosophie, Psychologie und andere Zweige gehabt. Er hat aber auch einiges über das Verhältnis zur Natur und Schöpfung geschrieben.
Als ich mit dem Arbeiten zur Schöpfungsspiritualität angefangen habe, habe ich mir grüne Stifte besorgt und in meiner Bibel und in christlicher Literatur alles grün angestrichen, was ich in der Wildnispädagogik und Visionssuche an Zusammenhängen gefunden habe. Auch in Bubers Ich und Du habe ich einige Passagen gefunden, die auf unser Verhältnis zur Natur deuten. Die stelle ich hier aneinandergehängt zusammen.

„Drei sind die Sphären, in denen sich die Welt der Beziehung errichtet.
Die erste: das Leben mit der Natur. Da ist die Beziehung im Dunkel schwingend und untersprachlich. Die Kreaturen regen sich uns gegenüber, aber sie vermögen nicht zu uns zu kommen, und unser Du-Sagen zu ihnen haftet an der Schwelle der Sprache.
Die zweite: das Leben mit den Menschen....
Die dritte: das Leben mit den geistigen Wesenheiten.....
In jeder Sphäre, durch jedes uns gegenwärtig Wirkende blicken wir an den Saum des ewigen Du hin, aus jedem vernehmen wir ein Wehen von ihm, in jedem Du reden wir das ewige an, in jeder Sphäre nach ihrer Weise.

Ich betrachte einen Baum.
Ich kann ihn als Bild aufnehmen....
Ich kann ihn als Bewegung verspüren....
Ich kann ihn in einer Gattung einreihen und als Exemplar beobachten, auf Bau und Lebensweise....
Ich kann ihn zur Zahl... verflüchtigen und verewigen....
In all dem bleibt der Baum mein Gegenstand...
Es kann aber auch geschehen, aus Wille und Gnade in einem, dass ich, den Baum betrachtend, in die Beziehung zu ihm eingefasst werde und nun ist er kein Es mehr....
Kein Eindruck ist der Baum, kein Spiel meiner Vorstellung, kein Stimmungswert, sondern er leibt mir gegenüber und hat mit mir zu schaffen, wie ich mit ihm – nur anders.
Man suche den Sinn der Beziehung nicht zu entkräften: Beziehung ist Gegenseitigkeit.
So hätte er denn ein Bewusstsein, der Baum, dem unseren ähnlich? Ich erfahre es nicht. Aber wollt ihr wieder, weil es an euch geglückt scheint, das Unzerlegbare zerlegen? Mir begegnet keine Seele des Baumes und keine Dryade, sondern er selber. “(S. 10f)

„So ist die Beziehung Erwähltwerden und Erwählen, Passion und Aktion in einem.....
Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du.
Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ (S.15)

„Im Geheimnis verbleibe die Wirkensbedeutung... von der Kreatur und ihrer Anschauung. Glaub an die schlichte Magie des Lebens, an den Dienst im All, und es wird dir aufgehn, was jenes Harren, Ausschaun, ‚Kopfvorstrecken’ der Kreatur meint. Jedes Wort würde fälschen, aber sieh, die Wesen leben um dich her und auf welches du zugehst, du  kommst immer zum Wesen....
Wie werden wir von Kindern, wie von Tieren erzogen! Unerforschlich einbezogen leben wir in der strömenden All-gegenseitigkeit“ (S. 19f)

„...in der jüdischen Mythensprache heißt (es), im Mutterleib wisse der Mensch das All, in der Geburt vergesse er es..... Jedes werdende Menschenkind ruht, wie alles werdende Wesen, im Schoß der großen Mutter: der ungeschiedenen vorgestaltigen Urwelt....
es ist dem Menschenkind Frist gewährt, für die verlorengehende naturhafte Verbundenheit mit der Welt geisthafte, das ist Beziehung, einzutauschen.... Die Schöpfung offenbart ihre Gestaltigkeit in der Begegnung.“ (S. 29)


Alles zitiert aus: Buber, Martin; das dialogische Prinzip, Gerlingen: Schneider 1994

Montag, 17. März 2014

Sünde als Trennung von unserer Natur

In den biblischen Schöpfungsgeschichten wird erzählt, wie das erste Menschenpaar aus dem Paradies verbannt wurde. Es wurde getrennt aus dem ursprünglichen Zustand, weil es vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte. Überschrieben ist dies in vielen Bibelübersetzungen mit „Sündenfall“. Viele Theologen verstehen Sünde nicht im Sinne  von Moralvorstellung, sondern bezeichnen diesen Zustand der Trennung als Sünde. Getrennt sein von Gott, das meint Sünde.

Verschiedene Gedanken kommen mir dazu.
Zum einen ist interessant, in welcher Zeit der Menschheitsgeschichte die biblische Erzählung ansetzt. Lange Zeit haben Menschen als Jäger und Sammler in Einheit mit der sie umgebenden Natur gelebt. Dann, vor ungefähr 10000 Jahren fand an vielen Orten gleichzeitig der Übergang zum Ackerbau statt. Der Mensch gewann Erkenntnisse, die ihn befähigten, die ihn umgebende Natur zu manipulieren. Pflanzen zu züchten, also zu seinen Zwecken zu verändern. Tiere zu domestizieren, also zu beherrschen. Manche bezeichnen dies als den „Sündenfall“ der Menschheit. Denn damals begann der Mensch Land und Tiere zu nutzen im Sinne von ausbeuten, die Erde und die Tiere als Besitz zu bezeichnen, Vorräte anzulegen, Dörfer und Städte zu bauen. Aus Jägern wurden Krieger, denn der Besitz musste verteidigt werden. Vielleicht ist das alles der Anfang des Zeitgeistes gewesen, dessen Früchte, besser Gifte, wir heute ernten. Vielleicht beschreibt die biblische Sündenfallgeschichte genau dieses Geschehen. „Verflucht ist der Ackerboden um deinetwillen“ (Gen. 3, 17) und die anschließende Geschichte von Kain und Abel ist die Aggression zwischen einem Tierzüchters und einem Ackermann.

Zum anderen ist interessant, dass die Trennung in der biblischen Geschichte eine doppelte Trennung ist. Zum einen, wie wir es klassisch verstehen, als eine Trennung des Menschen von der ursprünglichen Gemeinschaft mit Gott. Wobei diese Trennung vom Menschen auszugehen scheint, denn mensch schämte und versteckte sich. Im Verhalten Gottes hat sich nicht erkennbar was geändert.
Zum anderen und das wird deutlicher beschrieben ist es eine Trennung aus der ursprünglichen Naturverbundenheit. Die Natur als Schöpfung, wie Gott sie ursprünglich geschaffen hat und wie dies in den ersten beiden Kapiteln der Bibel beschrieben ist, war gut, sogar sehr gut (Gen. 1,31). Ein Paradies eben. Mensch hatte die Aufgabe, den „Garten“ zu hüten (Gen. 1,15). Mensch erkennt und benennt die Tiere (Vers 19). Und Mann und Frau erkannten sich als gleich, sie waren nackt und schämten sich nicht. (Vers 24). Für mich ist aus diesen Zeilen eine tiefe, tiefe Verbundenheit herauszuhören. Mensch war verbunden mit dem Land, untereinander und mit der „Mehr-als-menschlichen-Gemeinschaft“, wie es heute von manchen genannt wird. Es ist diese Verbundenheit, die getrennt wird. Es wird als eine physische Trennung beschrieben, nämlich den Garten verlassen zu müssen. Und es wird beschrieben als eine innerlich-qualitative Trennung, denn die natürlichen Abläufe (Gebären, Ackerboden) werden erschwert.
Vielleicht ist unsere Entfremdung und Trennung von der Natur ein Teil des „Sündenfalls“. Vielleicht hängen Entfremdung von der Natur und Entfremdung von Gott auch unmittelbar zusammen.

Unsere Arbeit im Bereich Schöpfungsspiritualität hat das Ziel, dass wir uns wieder mit unserer Natur verbinden. In Anbetracht des eben gesagten ist das kein Selbstzweck, sondern dient dazu, den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen. Der Trennung, also Sünde, entgegen zu wirken. Damit wäre schöpfungsspirituelle Arbeit Teil des Heilwerdens, vielleicht sogar Heilsgeschehens.

Dienstag, 11. März 2014

Notfall

Die Fahrerin des Krankenwagens fuhr so schnell sie konnte. Sie wusste, die Patientin hinten im Wagen lag in den letzten Zügen. Auch der Sanitäterin hinten, die die Hand der Patientin hielt, wusste, dass jede  Minute zählte. Mit Blaulicht und Martinshorn hielten sie mit quietschenden Bremsen vor der Klinik. Krankenpfleger kamen aus der Klinik gestürzt und halfen, die Trage der Patientin in die Notfallambulanz zu schieben.
„Was ist los?, fragten sie im Rennen.
„Patientin ist Opfer eines Gewaltverbrechens, sie ist ohnmächtig, Zustand kurz vor Exitus, sie muss sofort in den OP!“
„Ok, alles klar. Wissen wir, wer sie ist?“
„Ja, es ist die Erde!“

Mittlerweile waren sie vor dem OP angekommen.
„Lasst uns durch. Die Erde stirbt. Sie muss sofort in den OP. Aus dem Weg.“
Eine Gruppe von Wirtschaftsbossen und Managern erhob sich: „Moment mal, wir waren schließlich zuerst hier. Immer schön der Reihe nach“.
„Aber es ist die Erde, sie stirbt“, schrien die Sanitäterinnen.
„So schlimm wird es schon nicht sein,“ sagten die Bosse, „sie sieht doch noch ganz gesund aus. Erst sind wir dran, sonst gehen Arbeitsplätze und unser aller Wohlstand verloren. Aber wir wollen mal nicht so sein. Hier, wir spenden der Erde etwas Geld. Aber dann möchten wir ein Ökolabel, wo Beschützer der Erde drauf steht.“
Eine Gruppe von Politiker_innen stand in der Nähe. Erst sahen sie so aus, als interessierten sie sich, aber als die Bosse die Worte Arbeitsplätze und Wohlstand erwähnten, wandten sie sich verschämt ab.
Verzweifelt wandten sich die Sanitäterinnen an das Klinikpersonal. „Wo sind die Heiler_innen und Priester_innen und die Gelehrten?“
„Die können grad nicht. Es gibt gerade eine Anhörung zur Gendergerechtigkeit und solange hier nicht geklärt ist, ob Männer oder Frauen Schuld an allem sind, läuft hier gar nichts.“
„Kann denn hier niemand helfen?“, schrien die Sanitäterinnen.
Eine Gruppe von Jugendlichen, von denen die einen stumpf eine TV Serie glotzten und die anderen vor ihren Smartphones hingen schaute desinteressiert auf. „Ey, chill mal deine Basis. Dies Geschreie ist uncool.“
Ein paar Eltern mit kleinen Kindern stand herum und diskutierte über alternative Pädagogik und Biogemüse für die Kleinen. Und eine Gruppe von einfachen Menschen bekam kaum etwas von der Aufregung mit. Manche schliefen erschöpft von der Arbeit. Ein paar Kranke und Verletzte waren ebenfalls da, aber sie waren so mit ihrem persönlichen Leiden beschäftigt, dass sie sich nicht um die Erde kümmern konnten.

Die Sanitäterinnen rissen das Tuch weg, das die Erde auf der Trage bedeckte.
„Schaut her“, schrien sie, „das ist die Erde. Unser aller Mutter. Sie stirbt. Will denn niemand helfen? Kommt her“.
Zögernd standen einige Menschen auf, zuerst von den einfachen Menschen und denen, die selber Verletzungen hatten. Sie kamen, sahen die Erde an und legten vor Schreck die Hand vor den Mund. Manche schrien geschockt auf.
Die Erde war böse verletzt und vergewaltigt. Ihr Ozonumhang hing in Fetzen herunter, das Baumhaarkleid war brutal abrasiert, das Land war aufgerissen und aus den blutenden Wunden sickerte Müll. Das blaue Wasser, das sie aus dem Weltall so wunderschön aussehen ließ, war bei näherem hinsehen voller Geschwüre aus Plastik. Sie verlor Humus und fruchtbaren Boden.
„Seht“, sagte eine der Sanitäterinnen, die die Hand auf die Erde gelegt hatte „sie wird immer heißer, lange überlebt sie das nicht mehr.“

Die Leute, die die Erde ansahen, weinten. Einige warfen Blicke voller Wut auf die Wirtschaftsbosse, denn sie ahnten, dass es zum größten Teil deren Schuld war, was mit der Erde passiert war.
„Was können wir tun“, fragten die Leute verzweifelt.
„Berührt sie“, sagten die Sanitäterinnen, „legt die Hände auf ihre Wunden. Das hilft für einen Moment.“
Einige andere kamen herzu, von den Jugendlichen, ein oder zwei auch von den Politiker_innen. Sogar ein Wirtschaftsmensch, der sofort Hemd und Krawatte auszog und auch die Hand auf die Erde legte.
Der Erde tat das gut, sogar in ihrer Ohnmacht lächelte sie, als sie berührt wurde. Als ob sie spürte, dass sich die Leute um sie kümmern.
„Was können wir nur tun?“ fragten alle.

„Wir müssen sie sofort behandeln. Alles andere muss warten. Jeder muss seine Interessen aufgeben und sich um die Erde kümmern. Wir müssen alle Handlungen daran ausrichten, ob sie die Erde retten. Und gleichzeitig müssen wir nachdenken und verstehen, wie es so weit kommen konnte. Was wir anders machen müssen, um das nicht zu wiederholen, falls wir die Erde noch retten können. Und wir müssen beten und all unsere guten Gedanken auf die Erde richten. Sie wieder ehren und achten und lieben.“


So schoben die Leute die Erde in den OP und halfen so gut sie konnten. Draußen waren immer noch viele, die die ganze Aufregung nicht verstanden. Was aber wirklich besonders war, war, dass die Erde in all dieser Zerstörung und Verwüstung immer noch so wunderschön aussah.