Sonntag, 23. März 2014

Alles wirkliche Leben ist Begegnung

Martin Bubers dialogisches Prinzip hat genialen Einfluss auf Theologie, Philosophie, Psychologie und andere Zweige gehabt. Er hat aber auch einiges über das Verhältnis zur Natur und Schöpfung geschrieben.
Als ich mit dem Arbeiten zur Schöpfungsspiritualität angefangen habe, habe ich mir grüne Stifte besorgt und in meiner Bibel und in christlicher Literatur alles grün angestrichen, was ich in der Wildnispädagogik und Visionssuche an Zusammenhängen gefunden habe. Auch in Bubers Ich und Du habe ich einige Passagen gefunden, die auf unser Verhältnis zur Natur deuten. Die stelle ich hier aneinandergehängt zusammen.

„Drei sind die Sphären, in denen sich die Welt der Beziehung errichtet.
Die erste: das Leben mit der Natur. Da ist die Beziehung im Dunkel schwingend und untersprachlich. Die Kreaturen regen sich uns gegenüber, aber sie vermögen nicht zu uns zu kommen, und unser Du-Sagen zu ihnen haftet an der Schwelle der Sprache.
Die zweite: das Leben mit den Menschen....
Die dritte: das Leben mit den geistigen Wesenheiten.....
In jeder Sphäre, durch jedes uns gegenwärtig Wirkende blicken wir an den Saum des ewigen Du hin, aus jedem vernehmen wir ein Wehen von ihm, in jedem Du reden wir das ewige an, in jeder Sphäre nach ihrer Weise.

Ich betrachte einen Baum.
Ich kann ihn als Bild aufnehmen....
Ich kann ihn als Bewegung verspüren....
Ich kann ihn in einer Gattung einreihen und als Exemplar beobachten, auf Bau und Lebensweise....
Ich kann ihn zur Zahl... verflüchtigen und verewigen....
In all dem bleibt der Baum mein Gegenstand...
Es kann aber auch geschehen, aus Wille und Gnade in einem, dass ich, den Baum betrachtend, in die Beziehung zu ihm eingefasst werde und nun ist er kein Es mehr....
Kein Eindruck ist der Baum, kein Spiel meiner Vorstellung, kein Stimmungswert, sondern er leibt mir gegenüber und hat mit mir zu schaffen, wie ich mit ihm – nur anders.
Man suche den Sinn der Beziehung nicht zu entkräften: Beziehung ist Gegenseitigkeit.
So hätte er denn ein Bewusstsein, der Baum, dem unseren ähnlich? Ich erfahre es nicht. Aber wollt ihr wieder, weil es an euch geglückt scheint, das Unzerlegbare zerlegen? Mir begegnet keine Seele des Baumes und keine Dryade, sondern er selber. “(S. 10f)

„So ist die Beziehung Erwähltwerden und Erwählen, Passion und Aktion in einem.....
Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du.
Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ (S.15)

„Im Geheimnis verbleibe die Wirkensbedeutung... von der Kreatur und ihrer Anschauung. Glaub an die schlichte Magie des Lebens, an den Dienst im All, und es wird dir aufgehn, was jenes Harren, Ausschaun, ‚Kopfvorstrecken’ der Kreatur meint. Jedes Wort würde fälschen, aber sieh, die Wesen leben um dich her und auf welches du zugehst, du  kommst immer zum Wesen....
Wie werden wir von Kindern, wie von Tieren erzogen! Unerforschlich einbezogen leben wir in der strömenden All-gegenseitigkeit“ (S. 19f)

„...in der jüdischen Mythensprache heißt (es), im Mutterleib wisse der Mensch das All, in der Geburt vergesse er es..... Jedes werdende Menschenkind ruht, wie alles werdende Wesen, im Schoß der großen Mutter: der ungeschiedenen vorgestaltigen Urwelt....
es ist dem Menschenkind Frist gewährt, für die verlorengehende naturhafte Verbundenheit mit der Welt geisthafte, das ist Beziehung, einzutauschen.... Die Schöpfung offenbart ihre Gestaltigkeit in der Begegnung.“ (S. 29)


Alles zitiert aus: Buber, Martin; das dialogische Prinzip, Gerlingen: Schneider 1994