Dienstag, 11. März 2014

Notfall

Die Fahrerin des Krankenwagens fuhr so schnell sie konnte. Sie wusste, die Patientin hinten im Wagen lag in den letzten Zügen. Auch der Sanitäterin hinten, die die Hand der Patientin hielt, wusste, dass jede  Minute zählte. Mit Blaulicht und Martinshorn hielten sie mit quietschenden Bremsen vor der Klinik. Krankenpfleger kamen aus der Klinik gestürzt und halfen, die Trage der Patientin in die Notfallambulanz zu schieben.
„Was ist los?, fragten sie im Rennen.
„Patientin ist Opfer eines Gewaltverbrechens, sie ist ohnmächtig, Zustand kurz vor Exitus, sie muss sofort in den OP!“
„Ok, alles klar. Wissen wir, wer sie ist?“
„Ja, es ist die Erde!“

Mittlerweile waren sie vor dem OP angekommen.
„Lasst uns durch. Die Erde stirbt. Sie muss sofort in den OP. Aus dem Weg.“
Eine Gruppe von Wirtschaftsbossen und Managern erhob sich: „Moment mal, wir waren schließlich zuerst hier. Immer schön der Reihe nach“.
„Aber es ist die Erde, sie stirbt“, schrien die Sanitäterinnen.
„So schlimm wird es schon nicht sein,“ sagten die Bosse, „sie sieht doch noch ganz gesund aus. Erst sind wir dran, sonst gehen Arbeitsplätze und unser aller Wohlstand verloren. Aber wir wollen mal nicht so sein. Hier, wir spenden der Erde etwas Geld. Aber dann möchten wir ein Ökolabel, wo Beschützer der Erde drauf steht.“
Eine Gruppe von Politiker_innen stand in der Nähe. Erst sahen sie so aus, als interessierten sie sich, aber als die Bosse die Worte Arbeitsplätze und Wohlstand erwähnten, wandten sie sich verschämt ab.
Verzweifelt wandten sich die Sanitäterinnen an das Klinikpersonal. „Wo sind die Heiler_innen und Priester_innen und die Gelehrten?“
„Die können grad nicht. Es gibt gerade eine Anhörung zur Gendergerechtigkeit und solange hier nicht geklärt ist, ob Männer oder Frauen Schuld an allem sind, läuft hier gar nichts.“
„Kann denn hier niemand helfen?“, schrien die Sanitäterinnen.
Eine Gruppe von Jugendlichen, von denen die einen stumpf eine TV Serie glotzten und die anderen vor ihren Smartphones hingen schaute desinteressiert auf. „Ey, chill mal deine Basis. Dies Geschreie ist uncool.“
Ein paar Eltern mit kleinen Kindern stand herum und diskutierte über alternative Pädagogik und Biogemüse für die Kleinen. Und eine Gruppe von einfachen Menschen bekam kaum etwas von der Aufregung mit. Manche schliefen erschöpft von der Arbeit. Ein paar Kranke und Verletzte waren ebenfalls da, aber sie waren so mit ihrem persönlichen Leiden beschäftigt, dass sie sich nicht um die Erde kümmern konnten.

Die Sanitäterinnen rissen das Tuch weg, das die Erde auf der Trage bedeckte.
„Schaut her“, schrien sie, „das ist die Erde. Unser aller Mutter. Sie stirbt. Will denn niemand helfen? Kommt her“.
Zögernd standen einige Menschen auf, zuerst von den einfachen Menschen und denen, die selber Verletzungen hatten. Sie kamen, sahen die Erde an und legten vor Schreck die Hand vor den Mund. Manche schrien geschockt auf.
Die Erde war böse verletzt und vergewaltigt. Ihr Ozonumhang hing in Fetzen herunter, das Baumhaarkleid war brutal abrasiert, das Land war aufgerissen und aus den blutenden Wunden sickerte Müll. Das blaue Wasser, das sie aus dem Weltall so wunderschön aussehen ließ, war bei näherem hinsehen voller Geschwüre aus Plastik. Sie verlor Humus und fruchtbaren Boden.
„Seht“, sagte eine der Sanitäterinnen, die die Hand auf die Erde gelegt hatte „sie wird immer heißer, lange überlebt sie das nicht mehr.“

Die Leute, die die Erde ansahen, weinten. Einige warfen Blicke voller Wut auf die Wirtschaftsbosse, denn sie ahnten, dass es zum größten Teil deren Schuld war, was mit der Erde passiert war.
„Was können wir tun“, fragten die Leute verzweifelt.
„Berührt sie“, sagten die Sanitäterinnen, „legt die Hände auf ihre Wunden. Das hilft für einen Moment.“
Einige andere kamen herzu, von den Jugendlichen, ein oder zwei auch von den Politiker_innen. Sogar ein Wirtschaftsmensch, der sofort Hemd und Krawatte auszog und auch die Hand auf die Erde legte.
Der Erde tat das gut, sogar in ihrer Ohnmacht lächelte sie, als sie berührt wurde. Als ob sie spürte, dass sich die Leute um sie kümmern.
„Was können wir nur tun?“ fragten alle.

„Wir müssen sie sofort behandeln. Alles andere muss warten. Jeder muss seine Interessen aufgeben und sich um die Erde kümmern. Wir müssen alle Handlungen daran ausrichten, ob sie die Erde retten. Und gleichzeitig müssen wir nachdenken und verstehen, wie es so weit kommen konnte. Was wir anders machen müssen, um das nicht zu wiederholen, falls wir die Erde noch retten können. Und wir müssen beten und all unsere guten Gedanken auf die Erde richten. Sie wieder ehren und achten und lieben.“


So schoben die Leute die Erde in den OP und halfen so gut sie konnten. Draußen waren immer noch viele, die die ganze Aufregung nicht verstanden. Was aber wirklich besonders war, war, dass die Erde in all dieser Zerstörung und Verwüstung immer noch so wunderschön aussah.