Montag, 17. März 2014

Sünde als Trennung von unserer Natur

In den biblischen Schöpfungsgeschichten wird erzählt, wie das erste Menschenpaar aus dem Paradies verbannt wurde. Es wurde getrennt aus dem ursprünglichen Zustand, weil es vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte. Überschrieben ist dies in vielen Bibelübersetzungen mit „Sündenfall“. Viele Theologen verstehen Sünde nicht im Sinne  von Moralvorstellung, sondern bezeichnen diesen Zustand der Trennung als Sünde. Getrennt sein von Gott, das meint Sünde.

Verschiedene Gedanken kommen mir dazu.
Zum einen ist interessant, in welcher Zeit der Menschheitsgeschichte die biblische Erzählung ansetzt. Lange Zeit haben Menschen als Jäger und Sammler in Einheit mit der sie umgebenden Natur gelebt. Dann, vor ungefähr 10000 Jahren fand an vielen Orten gleichzeitig der Übergang zum Ackerbau statt. Der Mensch gewann Erkenntnisse, die ihn befähigten, die ihn umgebende Natur zu manipulieren. Pflanzen zu züchten, also zu seinen Zwecken zu verändern. Tiere zu domestizieren, also zu beherrschen. Manche bezeichnen dies als den „Sündenfall“ der Menschheit. Denn damals begann der Mensch Land und Tiere zu nutzen im Sinne von ausbeuten, die Erde und die Tiere als Besitz zu bezeichnen, Vorräte anzulegen, Dörfer und Städte zu bauen. Aus Jägern wurden Krieger, denn der Besitz musste verteidigt werden. Vielleicht ist das alles der Anfang des Zeitgeistes gewesen, dessen Früchte, besser Gifte, wir heute ernten. Vielleicht beschreibt die biblische Sündenfallgeschichte genau dieses Geschehen. „Verflucht ist der Ackerboden um deinetwillen“ (Gen. 3, 17) und die anschließende Geschichte von Kain und Abel ist die Aggression zwischen einem Tierzüchters und einem Ackermann.

Zum anderen ist interessant, dass die Trennung in der biblischen Geschichte eine doppelte Trennung ist. Zum einen, wie wir es klassisch verstehen, als eine Trennung des Menschen von der ursprünglichen Gemeinschaft mit Gott. Wobei diese Trennung vom Menschen auszugehen scheint, denn mensch schämte und versteckte sich. Im Verhalten Gottes hat sich nicht erkennbar was geändert.
Zum anderen und das wird deutlicher beschrieben ist es eine Trennung aus der ursprünglichen Naturverbundenheit. Die Natur als Schöpfung, wie Gott sie ursprünglich geschaffen hat und wie dies in den ersten beiden Kapiteln der Bibel beschrieben ist, war gut, sogar sehr gut (Gen. 1,31). Ein Paradies eben. Mensch hatte die Aufgabe, den „Garten“ zu hüten (Gen. 1,15). Mensch erkennt und benennt die Tiere (Vers 19). Und Mann und Frau erkannten sich als gleich, sie waren nackt und schämten sich nicht. (Vers 24). Für mich ist aus diesen Zeilen eine tiefe, tiefe Verbundenheit herauszuhören. Mensch war verbunden mit dem Land, untereinander und mit der „Mehr-als-menschlichen-Gemeinschaft“, wie es heute von manchen genannt wird. Es ist diese Verbundenheit, die getrennt wird. Es wird als eine physische Trennung beschrieben, nämlich den Garten verlassen zu müssen. Und es wird beschrieben als eine innerlich-qualitative Trennung, denn die natürlichen Abläufe (Gebären, Ackerboden) werden erschwert.
Vielleicht ist unsere Entfremdung und Trennung von der Natur ein Teil des „Sündenfalls“. Vielleicht hängen Entfremdung von der Natur und Entfremdung von Gott auch unmittelbar zusammen.

Unsere Arbeit im Bereich Schöpfungsspiritualität hat das Ziel, dass wir uns wieder mit unserer Natur verbinden. In Anbetracht des eben gesagten ist das kein Selbstzweck, sondern dient dazu, den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen. Der Trennung, also Sünde, entgegen zu wirken. Damit wäre schöpfungsspirituelle Arbeit Teil des Heilwerdens, vielleicht sogar Heilsgeschehens.