Mittwoch, 31. Dezember 2014

Im Kreis - Rad des Lebens, Teil 2

Falls du jetzt erst in diesen Blog reinschaust, schau dir bitte zum Kreis auch Teil 1 vom 30.12.14 an.
Dritter Durchgang – der Kreis des Lebens
Hier sind ein paar Vorbemerkungen nötig, denn nun arbeiten wir mit dem Kreis als Symbol. Wir legen eine weitere Bedeutung auf die natürlichen Abläufe des Kreises. Das hat etwas mit unserer Sichtweise, also Interpretation zu tun. Das Wort Symbol kommt von dem griechischen „symballein“ und bedeutet zusammenwerfen. Ich lege etwas zusammen, verbinde etwas. In diesem Fall den natürlichen Ablauf von Tages- oder Jahreskreis mit dem Ablauf eines Menschenleben. Das hat einerseits mit Interpretation zu tun. Wenn ich zum Beispiel sage, der Osten sei die Zeit der Geburt, dann ist der Osten damit zum Symbol geworden. Es ist nicht so, dass nur im realen Osten oder am Morgen oder im Frühling geboren wird. Kinder kommen auch abends oder im Herbst zur Welt. Dennoch ist der Osten das Symbol für die Geburt.
Das Gegenteil vom griechischen „symballein“ ist das Wort „diaballein“, durcheinanderwerfen. Daher kommt das Wort diabolos, was für die Vorstellung vom Teufel gebraucht wurde. Das Durcheinanderwerfen wäre demnach nicht gut, sondern schadend und krank machend. Das Zusammenwerfen, Verbinden im Gegensatz wäre heilsam und konstruktiv. Deshalb liegt in der Symbolarbeit so viel Kraft. Aber bedenke immer, es handelt sich um eine Interpretation. Es kann auch andere Interpretationen geben. So ist es auch  mit der Interpretation des Kreises als Lebenskreis, Lebensrad oder Medizinrad, wie es auch genannt wird. Ich stelle hier die Interpretation des Lebensrades vor, die ich persönlich am stimmigsten finde. Ich habe das so in der Wilderness Awarenes School (Fußnote zu Coyoyte Guide) und bei Bill Plotkin (Fußnote Natur und Menschenseele) gefunden. Es gibt andere Räder, die ich anschließend vorstelle.

Das Lebensrad
Der Kreis des Lebens beginnt  im Osten mit der Geburt. Wie am Morgen das Licht durch das Dunkel bricht, wie im Frühling das lebendige frische Grün durch den Schnee bricht, so bricht das neugeborene Baby mit dem Schrei seines ersten Atemzuges in diese Welt ein. (Fußnote: Lies dazu den Abschnitt über den Gottesnamen YHWH. In dieser Auslegung wird der Gottesname durch das Atmen erzeugt. Das neugeborene Baby, das seinen ersten Atemzug tut, tut damit den Namen Gottes kund.) Im Osten beginnt das neue Leben, es ist die Zeit der Frische und der Unschuld.
Das Lebensrad wird bestimmt durch die vier Hauptrichtungen: Osten, Süden, Westen und Norden. Nun fügen wir noch vier Zwischenrichtungen hinzu: Südosten, Südwesten, Nordwesten und Nordosten.
Im Südosten ist dann die Zeit der Kindheit. Wie im Übergang vom Frühling zum Sommer ist es eine unbeschwerte Zeit voller Kraft und Ressourcen. Alles ist im Überfluss vorhanden. Es ist eine Zeit des Spielens und Lernens, eine aktive Zeit.
Der Süden ist  eine Zeit des Blühens und Aufstrebens. Alles wächst in die Höhe und streckt sich nach oben, will sich vervielfältigen. Darin steckt viel Energie und Arbeit. Auf den Feldern wird lange und hart gearbeitet und das lange Tageslicht ausgenutzt.
In der menschlichen Entwicklung ist es die Zeit der Jugend, der Pubertät. Es ist eine Zeit des sozialen Aufblühens und sexuellen Erwachens. Im Süden sitzt der Eros.
Der Südwesten ist eine Zeit des Zur Ruhekommens. Bei den Bäumen ist das Höhenwachstum abgeschlossen, es beginnt das Verholzen. Stabilität gewinnen. Das Wachstum geht mehr nach innen. Es ist eine Zeit des Reifens. Und des Ausruhens nach der harten Arbeit im Süden. In der menschlichen Entwicklung die Zeit des frühen Erwachsenenalters, wenn die stürmischen Pubertätsjahre vorbei sind und die ersten Entscheidungen über Ausbildung, Beruf, Partnerschaft getroffen sind.
Der Westen, Herbst, ist die Zeit der Ernte. Die Menschen kommen von den Feldern und bringen ihre Früchte und Garben ein. Sie sammeln und legen Vorräte an. Und feiern das Erreichte. Wer im Herbst nicht Vorräte anlegt, wird den Winter nicht überleben. In der menschlichen Entwicklung ist es die Zeit des Erwachsenenalters. Wenn wir den Westen erreicht haben, haben wir die Hälfte des Kreises abgeschritten. Die Oste-West-Achse teilt den Kreis in eine helle und eine dunkle Hälfte. Wenn wir im Westen angekommen sind, sind wir in der Mitte unseres Lebens. Vielen Menschen wird bewusst, dass mehr Lebenszeit hinter ihnen als vor ihnen liegt. Der Begriff der Midlifecrisis ist hier beheimatet, leider meist negativ besetzt. Denn es ist eine gute und notwendige Krise. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was wichtig ist, was bleiben soll. So, wie im natürlichen Kreislauf gesammelt wird, ist der Herbst in der menschlichen Entwicklung ein Zeit des Sich-Sammelns.. Die Kinder werden flügge und brauchen nicht mehr so viel Aufmerksamkeit oder verlassen schon das Haus. Man merkt selber, dass die Kräfte der Jugend nicht mehr da sind. Die eigenen Eltern werden alt und gebrechlich und sterben.
Vielen macht diese Zeit auch Angst. Manche Männer versuchen, die verlorene Jugend zurück zu holen. Mit Sportwagen oder einer neuen, jungen Frau. In unserer Symbolik gesprochen, versuchen sie, auf dem Kreis zurück zu gehen, aber das funktioniert nicht. Manche gehen in dieser Zeit auf Visionssuche, um herauszufinden, was wichtig ist in ihrem Leben, um weiterzugehen. Der Herbst ist auch eine Zeit der Gemeinschaft, es geht um das größere Ganze.
Der Nordosten markiert den Übergang vom späten Erwachsenen- zum frühen Ältestenalter. Es ist eine Zeit des Loslassens einerseits. So wie die Bäume die Blätter loslassen. Aber auch eine Zeit der Beständigkeit, so wie der Baum selbst den Herbststürmen trotzt und bestehen bleibt.
Weiter geht es in den Norden, die Zeit des Winters. Es wird kalt und frostig, Schnee liegt über dem Land. Alles duckt sich weg und bringt sich in Sicherheit, wenn die Winterstürme kommen. Es scheint lebensfeindlich zu sein und wirklich, es geht ums Überleben.
Im Winter des Lebens werden die Haare weiß, die Zeit der Ältesten. Für viele Männer eine weitere große Krise, wenn sie aus dem Berufsleben ausscheiden (Fußnote: vgl. Männer altern anders). Die Ältesten fahren ihre Aktivität zurück. Bisweilen scheint es , als seien sie gar nicht mehr am Geschehen beteiligt. Aber dann und wann merken sie auf, die Augen blitzen, sie ergreifen das Wort und man merkt, dass sie innerlich noch voll dabei sind. Nur nicht jedes Tagesgeschehen und jedes Drama bekommt noch so viel Aufmerksamkeit wie früher. Idealerweise ist es eine Zeit der Gelassenheit, oder wie Richard Rohr es sagt, der Großvater- und Großmutterenergie. Oma und Opa, die sich um die Enkel kümmern können, weil sie nicht mehr in die täglichen Kämpfe verwickelt sind, sind auch ein gutes Bild für den Norden.
Im Nordosten ist die mystische Zeit des Sterbens und Zeugens. Am Ende des Kreises tritt der Tod in Erscheinung. Wer sein Leben gut gelebt hat, für den ist der Tod keine Überraschung. Und auch nichts Schlechtes, sondern etwas Natürliches. Was nicht heißen soll, dass der Tod eines geliebten Menschen keine Lücke hinterlässt und keine Trauer hervorruft. Aber das gehört zum Leben dazu und das Leben geht weiter. Für die Gemeinschaft mit neuem Leben, das im Nordosten gezeugt wird und darauf wartet, im Osten geboren zu werden.
Wer weiß schon Bescheid, wie genau Auferstehung funktioniert. Wir kommen aus Gott (Textbeleg), wir leben den Kreis unseres Lebens hier auf der Erde und wir gehen zu Gott. Vielleicht ist der Tod nur der Übergang in einen anderen Kreis. Ein anderes Dasein bei Gott.

Dies ist eine Möglichkeit, den Kreis des Lebens zu interpretieren. Es gibt andere Interpretationen. So ist zum Beispiel in der Visionssuchearbeit der school of lost borders (siehe Little/Foster. Die vier Schilde) die Kindheit im Süden angelegt, im Westen die Jugend und im Norden das Erwachsenensein.

Es gibt auch zahlreiche weitere Zuordnungen, z.B. der Elemente, Symboltieren oder Archetypen. Bei alledem ist zu bedenken, dass es kein universal gültiges Kreismodell gibt. Jedes Modell drückt einen Aspekt der Wahrheit aus und es ist gut, sich das zu nehmen, was passt und einen weiter bringt.