Freitag, 6. März 2015

Atmen ist Gottes Namen beten (Stichwort: Schöpfungsspiritualität)

Ich hörte die Geschichte eines Mannes, der allein in der Wildnis unterwegs war. Er war beruflich dort unterwegs mit minimaler Ausrüstung und ohne Handy oder einer anderen Möglichkeit mit jemandem zu kommunizieren. Die Landschaft war eine Steppenlandschaft, sehr trocken und sehr heiß.
Als er unterwegs war, sah er von weiter weg ein Feuer, nicht von Menschen gemacht. Ein Feuer in der Steppe kann schnell außer Kontrolle geraten und gefährlich werden. Aber der Mann war auf eine geheimnisvolle Art angezogen und ging näher, um dieses seltsame Naturphänomen zu erkunden. Es war ein karger Busch, der dort in Brand geraten war. Während der Mann vor dem Busch stand, stellte er fest, dass der Busch vom Feuer nicht aufgezehrt wurde. Er brannte, aber er verbrannte nicht. Das Feuer breitete sich auch nicht weiter aus. Er ging näher, um sich das genauer anzuschauen. Da „hörte“ er eine Stimme. Ich sage „hörte“ in Anführungsstrichen, weil es eine ungewohnte, nicht genau zu verortende Stimme war. Irgendwie aus dem Busch kommend, irgendwie auch im Inneren des Mannes. Es lag eine prickelnde Spannung in der Luft. Die Stimme sagt: „Zieh deine Schuhe aus, denn der Boden auf dem du stehst, ist heiliger Boden.“
Einige werden jetzt wissen, dass ich die Geschichte erzähle, die in den Heiligen Schriften als Berufung des Moses bezeichnet wird. Bevor ich weiter ausführe, was diese Geschichte über Gott sagt, will ich diesen Mann Mose ehren.
Ich ehre ihn dafür, vor diesem Naturphänomen nicht davon gelaufen, sondern darauf zugegangen zu sein. Ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, auf das Feuer zuzulaufen, ins Auges eines Sturmes oder ins Epizentrum eines Bebens zu gehen. Mose tat das und für diesen Mut ehre ich ihn. Und ich ehre ihn für seine Demut, die Worte, die er hört, ernst zu nehmen, sich die Schuhe auszuziehen, den Boden als heilig zu betrachten.

Nun zu dem, was in dieser Geschichte über Gott offenbart wird.
Zuerst stelle ich fest, dass dieser Gott sich durch ein Naturphänomen offenbart. Nicht durch einen Traum oder einen Engel, sondern durch das Feuer in einem Busch.
Dann stelle ich fest, dass es heilige Orte gibt. Man könnte meinen, das da magisches Denken am Werk ist, das dem Ort selber heilige Qualitäten zuschreibt. Ich persönlich glaube, dass der Ort heilig ist, weil Gott sich hier offenbart. So kann mir jeder Ort, an dem ich mir der Gegenwart Gottes bewusst werde, heiliger Boden werden.
Dann komme ich aber zu dem wirklich Einzigartigem an dieser Geschichte. Es entwickelt sich ein Gespräch zwischen Gott und Mose, in dem Mose beauftragt, berufen wird, das Volk Israel aus Ägypten zu führen. Ganz am Ende des Gesprächs fragt Mose sinngemäß: „Aber was soll ich sagen, wer du bist? Wie ist dein Name?“ Und Gott sagt: „ Ich bin der Ich-bin-da.“ Im Hebräischen ist das der Gottesname YHWH, Jahwe. Er ist ein Beziehungsname, ist fürsorglicher Name, und offenbart so etwas wie Gott als den Seienden.

Mein Lehrer Richard Rohr hat von einem jüdischen Rabbi eine Lehre über diesen Namen bekommen. In der Kontemplation oder Meditation gehe es darum, möglichst alles Eigene loszulassen. Alle Aktivitäten, Gedanken, Gefühle, sogar Körperbewegungen. Ganz in der Stille zu sitzen und sich auf den Atem konzentrieren. Und der Name JHWH ist von der Buchstabenanordnung so beschaffen, dass es keinerlei Zungenbewegung braucht, um diesen Namen auszusprechen. Allein durch intensives Atmen kann ich den Namen JHWH formen. Atme ein lautes Jaaaaaaaah ein und ein lautes Heeeeee aus. Es ist viel besser, das zu hören, aber da das hier nicht geht, probiere es einmal selbst aus. Es ist halb Atmen, halb Stöhnen, sehr intensiv.
Die Bedeutung, die darin liegt ist, dass wir durch das Atmen den Namen Gottes sprechen, der da sagt „Ich-bin-da“. Wo ich atme ist Gott da, das sagt der Name. Atmen bedeutet Gottes Namen zu beten. Ich denke an das Bild der Erschaffung des Menschen, als dem Erdlingsgeschöpf der Atem Gottes eingehaucht wird. Nach dieser Auffassung wird der Name und damit das Bewusstsein der Gegenwart Gottes in ihn hineingehaucht.
Ich denke an die Geburt eines Kindes, wenn es den ersten Schrei tut, den ersten Atemzug und damit nach dieser Lehre das erste Mal den Namen Gottes spricht. Ich denke an das Sterben eines Menschen, der seinen letzten Atemzug tut. Das erste und das letzte, was wir auf dieser Erde tun, ist Gottes Namen zu sprechen. Wow, da muss ich tief Luft holen.
Gott hatte sich bei den Glaubensvätern vorher einen anderen Namen gegeben. Nun aber diesen neuen Namen, mit dem er sich als der Seiende offenbart. Und er sagt (Ex.2, 15): „Das ist mein Name für immer und so wird man mich nennen in allen Generationen.“

Mit diesem Gedanken und dieser Lehre lohnt es sich, hinaus zu gehen und dort einfach zu sein. Zu atmen und zu wissen, wenn ich einfach da bin und atme, dann lautet die Verheißung Gottes: Ich-bin-(auch)-da.