Dienstag, 22. Dezember 2015

Schöpfungsspiritualität: radikal schöpfungsbasiertes Christsein

Es ist lange her, dass ich hier geschrieben habe und das hat zwei Gründe. Zum einen ist die helle Jahreszeit immer voll mit Aktivität und es ist keine Zeit zum Schreiben. Aber diesmal hat es auch einen anderen Grund. Anfang des Jahres habe ich mit meiner Kollegin einen Basiskurs Schöpfungsspiritualität gestartet, an dem Männer und Frauen teilgenommen haben. Dort habe ich gemerkt, dass meine bisherige Arbeit mit Männern und mit dem Thema Kontemplation eine wichtige Grundlage für das Thema Schöpfungsspiritualität bildet. Das habe ich immer stillschweigend voraus gesetzt und darauf aufgebaut. Und habe bis dato mit Menschen zu tun gehabt, die diese Wege auch gegangen sind und so die gleichen Voraussetzungen wie ich gehabt haben. Aber wenn das nicht so ist, habe ich gemerkt, dann muss ich gleichzeitig Kontemplation und non-duales Denken und all das andere lehren. In den Überlegungen, was denn alles als Grundlage in die Schöpfungsspiritualität einfließt, bin ich zu der Frage gekommen, worum es mir überhaupt bei all dem geht. Was ist meine Aufgabe, meine „Missio“? Das herauszufinden hat seine Zeit gedauert, aber jetzt habe ich meinen Satz gefunden. Und den möchte ich hier teilen.
Es geht mir um ein radikal schöpfungsbasiertes Christsein.
Ich will das erklären.
Radikal im Sinne von lat. Radix=Wurzel. Die Schöpfung sehe ich als erste Offenbarung Gottes, mit der er sich und sein Wesen kund getan hat und andauernd kund tut. Das ist die Wurzel, der Urgrund von allem Dasein und aller Religion. In der jüdisch-christlichen Tradition formuliert heißt es, dass dieses erste Schöpfungsgeschehen schon in Christus gegründet ist. Und die jüdisch-christliche Tradition zieht die Linie von diesem kosmischen Schöpfungschristus zum historischen Christus und zurück zum auferstandenen, kosmischen Christus. Schöpfung und Christus hängen also unmittelbar zusammen. Deshalb bin ich mit ganzem Herzen in dieser Tradition, trotz all dem, was man zu recht dagegen sagen kann. Und auf der anderen Seite kann ich deshalb ohne Probleme auch Gutes und Wahres aus anderen Traditionen anerkennen. Manches kann ich davon annehmen und in meiner Tradition wieder finden und integrieren. In diesem Sinne  glaube ich, dass radikal auch bedeutet, dass es eine gemeinsame Wurzel gibt, nämlich den einen Schöpfergott.
Schöpfungsbasiertes Arbeiten bedeutet für mich, in der „weißen“ Bibel die Zusammenhänge mit der „grünen“ Bibel zu entdecken. So viele Bilder, Offenbarungen und Erfahrungen, die in den Heiligen Schriften beschrieben sind, basieren auf der Schöpfung. Und über den Zugang der Natur ist ein neuer, frischer Blick auf das Christsein möglich.
Christsein bedeutet für mich vor allem in Nachfolge und Beziehung zu sein. Christus ist für mich die Quelle und die Mitte meines Lebens. Er ist der Herr meines Lebens, mein König, mein Schöpfer, mein ein und alles. Es geht mir wie Paulus, der sagt: „Ich lebe, doch nun nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal. 1, 20). Deshalb schreibe ich nicht Christentum, als gehe es mir primär um ein Nachdenken, eine Philosophie oder Theologie. Es geht um diese lebendige Beziehung. Das ist der Kern! 
Darüber hinaus spielt für mich aber auch eine besondere Prägung des Christseins eine Rolle. Christsein beinhaltet für mich persönlich zwei wichtige Aspekte. Nämlich den der sozialen Gerechtigkeit und den der Mystik. Der erste zielt auf eine aktive, sich einmischende Dimension, ist lösungsorientiert. Der zweite Aspekt zielt darauf, dass Gott ein großes Geheimnis ist, nicht zu definieren oder zu fassen. Ich kann dieses Geheimnis annehmen, mich hinein begeben, aber ich kann es nicht lösen.

Radikal schöpfungsbasiertes Christsein beinhaltet also für mich auch die Dimension der sozialen Gerechtigkeit. Letzten Endes zielt das auf das, was Jesus mit dem Reich Gottes gemeint hat. Frieden und Gerechtigkeit für die Menschen und die Schöpfung. Von diesem Basissatz aus will ich also zukünftig ausgehen und mein Arbeiten und Schreiben ausrichten.