Donnerstag, 24. August 2017

Soulbrother

Soulbrother ist ein Begriff, der vermutlich zuerst in der initiatorischen Arbeit von Richard Rohr entstanden ist. Der Initiationsritus, den er geschaffen hat, versteht sich als Anfang einer spirituellen Reise. Diese Reise nannte Richard JOI, Journey of Illumination, also Reise der Erleuchtung. Auch, wenn der Titel vielleicht recht hoch gegriffen ist, geht es richtigerweise darum, dass es nach einer sogenannten Schwellenerfahrung wie der Initiation darum geht, sich selbst zukünftig im eigenen Leben zu verändern und zu wachsen. Dazu braucht es den Kontakt mit anderen Männern, die ebenfalls auf dieser Reise sind. Das kann einerseits eine Männergruppe sein oder eben auch die Verbindung zu einem Soulbrother.

Richard Rohr schrieb dazu 2011
Soul-Brother/Seelenbruder:
Ein anderer Mann, mit dem Du Dich verbindest, dem gegenüber Du wahrhaft und ehrlich sein kannst. Er ist ein Partner der Verlässlichkeit und einer, der Dich auf Deiner Reise sowohl bestärkt als auch herausfordert. Es kann hilfreich sein, wenn er auch die „Rites of Passage“ durchlaufen hat und sich auf das Firming vorbereitet. Die Verbindung sollte in persönlichem oder telefonischem Kontakt bestehen, möglichst nicht per Email. Kontakte sollten mindestens einmal im Monat stattfinden.“
(Quelle: Übersetzung aus internem CAC-Dokument JOI „Journey of Illumination“, zusätzliche Erklärung: Die MROP „Mens Rites of Passage“, wie die Inititiation auch genannt wird, ist der Startpunkt der Reise. Frühestens ein Jahr nach der MROP ist es möglich, an dem Folgeritual „Firming“ teilzunehmen. Die Zeit dazwischen markiert den ersten, wichtigen Teil der JOI)
Mir selbst geht es so, dass ich eher kein Mensch für eine Gruppe bin. Ich hatte und habe immer Freundschaften zu einzelnen Männern, die dann sehr tief gehen. So bin ich eher der Typ, für den Soulbrotherschaft in Frage kommt.
Anfangs war das eher zufällig. Ich habe mich mit Leuten gefunden, mit denen die Wellenlänge irgendwie stimmte. Aber es waren nicht nur Buddys. Ich hab andere, tiefe Freundschaften, die aber keine Soulbrotherschaft darstellen. Zusätzlich zu der Wellenlänge braucht es eine gemeinsame Ausrichtung auf zweierlei: die Entwicklung der eigenen Identität als Mann und die spirituelle Dimension. Heute würde ich sagen, das ist die Verbindung zum eigenen inneren Weg und die Verbindung zum größeren Ganzen.
Ich habe viele andere Soulbrotherschaften getroffen. Manche beschreiben es wie ein verlieben. Für andere ist es eine Weggemeinschaft, die nur für eine bestimmt Zeit verabredet wird. So oder so, allen Soulbrothern eigen ist, dass sie sich gegenseitig einen Blick in die eigene Seelenlandschaft geben. Und sich erlauben, „ins eigene Leben hineinzureden“.

Analog zum Soulbrother gibt es in der keltischen Spiritualität den Anam Cara. „Die keltische Auffassung von der Freundschaft findet ihren intuitiven Ausgangspunkt und ihre Vollendung in dem sublimen Begriff des ‚Anam Cara’. ‚Anam’ ist das gälische (irische) Wort für ‚Seele’; ‚Cara’ ist das Wort für ‚Freund’. Anam Cara bedeutet also ‚Seelenfreund’. Der Anam Cara war ein Mensch, dem man die intimsten Geheimnisse seines Lebens offenbaren konnte. Die Beziehung zu ihm war geprägt durch Anerkennung und ein tiefes Zugehörigkeitsgefühl. Es war eine Freundschaft, die sich über alle Grenzen der Konvention, Moral und begrifflichen Kategorisierung hinwegsetzte: Man war auf eine urtümliche und ewige Weise mit dem ‚Freund seiner Seele’ verbunden.“
(John O’Donohue: Anam Cara, Das Buch der keltischen Weisheit, München 2015, S. 16)


In den Heiligen Schriften der jüdisch-christlichen Tradition heißt es von Christus, dass er unser Freund sei (Joh. 15,15). Christus ist der ultimative Anam Cara, der Freund unserer Seele. Er ist der Archetyp des Anam-Cara-Soulbrother, denn niemand kennt und liebt unsere Seele mehr als Christus. Ich glaube, dass in jeder Anam Cara Beziehung ein kleines Stück des Christus-Anam-Cara präsent ist. Vielleicht ist die Beziehung zu einem Soulbrother auch deshalb so wirksam, weil es diese Verbindung zum Christus-Anam-Cara beinhaltet.